Jedes Kind kennt das Spiel "Mensch ärgere dich nicht!". Und versteht, daß Felder und Männchen der gleichen Farbe zusammengehören. Eine einfache Regel, leicht durchschaubar.
Genau solche, einfachen Regeln können eine Benutzeroberfläche besser machen. In Usability-Evaluationen stellen wir öfter fest, daß relativ simple Regeln, die die Benutzung vereinfachen, nicht konsequent eingehalten werden. Vermutlich erscheint eine Abweichung für die Entwickler ganz klein - und führt dann doch bei der Benutzung zu großer Unsicherheit. Solche Abweichungen ergeben sich oft ohne eine gezielte Absicht, weil im Laufe von Updates und Funktionsumfangerweiterung neue Elemente hinzukommen, oder alte "aufgehübscht" werden.
Dabei ist Konsistenz in einem Interface eminent wichtig. Konsistenz meint die Beibehaltung einmal definierter Elemente auf Benutzeroberflächen. Das können Buttons, Kennzeichen und Icons sein. Das gleiche gilt aber auch für Farben, Formen, Positionen oder Begriffe und Namen.
Konsistenz spielt eine so große Rolle, weil:
es das Gefühl von Sicherheit und Souveränität im Umgang mit einer Software erhöht.
es die Geschwindigkeit zur Erledigung der beabsichtigten Arbeitsvorgänge erhöht.
es dem Benutzer erst die Freiheit zur kreativen Benutzung einer Software gibt ("mach damit was Du willst").
Konsistenz in Namen und Begriffen
Jede Website, jede Software, besitzt einen eigenen Informationsraum. Die offensichtlichste Prägung dieses Informationsraums geschieht über Namen und Begriffe. Jeder Nutzer von Microsoft Office Word weiß, was sich hinter dem Begriff "Formatvorlagen" verbirgt. Vielleicht können sich auch manche noch an den Tag erinnern, an dem Sie versucht haben, Ihren Text dauerhaft in einer bestimmten Schrift zu setzen. An dem Tag, an dem sie es geschafft haben, haben sie gelernt, was dieser Begriff in Word bedeutet.
Eine Google-Eingabe von "Word"+"Formatvorlage" erzielt 203.000 Treffer. Daran lässt sich ablesen, wie sehr dieser Begriff zur Konvention geworden ist. Microsoft würde sich keinen Gefallen tun, diese Funktionsgruppe in MS Word ab morgen "Schrift-Vorlagen" zu nennen. Obwohl der Ausdruck sprachlich ebenso möglich wäre. Die Umstellung und Neudefinition würde Ihnen und vielen anderen Nutzern die Arbeit zunächst einmal erschweren.
Das Prinzip ist einleuchtend: Was "Formatvorlage" heißt, betrifft auch die Funktion "Formatvorlage". Dieses Prinzip läßt sich auf jeden Namen und jeden Begriff, der in einer Software, auf einer Website geprägt wird, übertragen. Nur was gleich heißt, ist für den Benutzer auch das gleiche. Und das darf man getrost buchstäblich nehmen. Es betrifft Details wie Groß- und Kleinschreibung und Satzzeichen.
Konsistenz im Aussehen
Die Wirksamkeit von konsistenten Namen und Begriffen läßt sich steigern: Als Interface-Designer können wir gleichen Begriffen zusätzlich ein gleiches Aussehen geben, idealerweise ein prägnantes Aussehen, wenn es um zentrale Begriffe geht.
Ich benutze hier ein Beispiel aus einem Interface, daß wir für die Reiseplattform www.room-gallery.de entwickelt haben. Die Kennzeichnung für eine Buchung, die abgeschlossen und bestätigt ist, besitzt nicht nur die Bezeichnung "ok", sondern auch ein bestimmtes Aussehen ("der runde Knopf"). Überall, wo der Nutzer diesen Knopf sieht, weiß er zusätzlich: es geht hier um eine Buchung, und diese Buchung ist bestätigt.
Könnte man im Einzelfall auch nur den Begriff "ok" verwenden?
Nun, es besteht kein Zweifel, daß der Begriff grundsätzlich das gleiche meint. Für den Benutzer wäre es aber sicher schwieriger, den Zusammenhang zu erkennen. Wir würden also sagen: Nein - der Begriff alleine ist nicht das gleiche! Besitzt ein Symbol nur noch einen Teil der ursprünglichen Eigenschaften, ist es für den Benutzer auch nicht mehr das gleiche - und vermittelt nicht auf Anhieb die gleichen Informationen.
Gelerntes wiederaufnehmen – über verschiedene Medien hinweg
Noch einen Schritt weiter geht das Verweis-System der Wochenzeitung Der Freitag (nicht von uns entwickelt). Es benutzt das Prinzip "Gleiches Aussehen meint das Gleiche" auf andere Art. Jeder Artikel der Printausgabe wird abgeschlossen durch die Nennung des Verfassers und evtl. Hinweisen zu verwandten Themen. Dann folgt eine kleine Grafik, versehen mit einem Code. Es gibt ansonsten keine Erklärung dazu.
Die simple Abbildung eines Eingabefeldes, das Internet-Nutzer von Websites kennen, legt allerdings nahe, diesen Code im Internet zu benutzen. Und richtig: Bei Eingabe des Codes in das Suchfeld auf der Website gelangt man ohne Umwege zum gleichen Artikel online.
Hätte man unter den Artikeln alleine den Code notiert, und ihn nicht mithilfe der Grafik näher "beschrieben", wäre es sehr viel schwieriger, zu erkennen, was dieser Code bedeuten soll und wo er verwendet werden soll. Die Lösung über die Abbildung des Eingabefeldes ist ein eleganter Weg, einen Hinweis zu geben, ohne eine Darstellung zu überfrachten.
So kann Konsistenz auch umgekehrt wirken: Wenn einmal Elemente geprägt sind, also die Bedeutung vom Benutzer erlernt wurde, lassen sie sich sogar aus dem Zusammenhang gelöst benutzen. Das ist ein wertvoller Hebel, der uns auch in anderer Form tagtäglich begegnet: in Form von Logos!
von Angela Kreitenweis